Saturday, 15 March 2008

Schizophrenes Berlin

Letzte Woche war ich in Berlin. Der letzte Berlinbesuch liegt schon wieder 4 Jahre zurück und in dieser Zeit hat sich das Angesicht Berlins wieder mal komplett verändert. Damals war es noch Bastelle, der Hauptbahnhof noch nicht fertig gestellt und überall klafften noch große Baustellen wie Wunden im unfertigen Stadtbild. Jetzt sind die größten Projekte fertiggestellt und man kann sich ein Bild machen, vom neuen Berlin. Neben Verwaltungsbürokratie und Medienmaschinerie gesellen sich Döner- und Currywurstbude in neuem Glanze. Neben der neuen Geschäftigkeit steht die alte Paralyse. Im Kalten Krieg ein subventionierter Vorposten der freien Welt, sind nun die alten Industriekomplexe der DDR wegen Ineffizienz geschlossen und die Subventionen halten die Stadt noch am Leben, jetzt als Bundesdeutsche Hauptstadt, der Vorposten der deutschen Bürokratie. Dass diese Stadt nichts produziert, ausser Worthülsen und Haarwaschmittel, das ist augenscheinlich. Die Hartz 4 Empfänger sind genauso präsent wie die neuen schicken Bürotürme am Postdammer Platz. Das ist bei einer Arbeitslosenquote von an die 20% auch nicht verwunderlich. Es ist eine Stadt die sich so gibt wie sie ist: großkotzig ärmlich. Das Fundament ist spärlich und versinkt im Sandboden der Hauptstadt. Blüten treibt der spärliche Sandboden trotzdem. Als kreatives Zentrum ist es unschlagbar: man kann hier bescheiden in Saus und Braus leben und mit Tipps aus "Berlin für Arme" souverän mit geringsten Mitteln ein mondänes Leben führen. Aus der Tasche des produktiven Teils Deutschlands. Marktwirtschaflich ist das bedenkenswert, kulturell förderungswert. Ob wir uns das leisten können ist die andere Frage. Der Ghetto-Kult treibt hier absonderliche Blüten: Kampfhund, Schlampen und nahöstliches Familienideal - ein Paradoxon, das einem türkischen Familienvater schon übel aufstoßen sollte. Diese Ghetto Existenzen im Dunstkreis von Aggro-Berlin, scheinen nicht ernst gemeint zu sein, werden aber überall nachgearmt, von pupertären Deutsch-Türken und Deutschen, die in der multikulturellen Realität ihres Ghettos ihre eigene Identität verlieren und selber nur noch gebrochenes Deutsch sprechen. Elite bildet sich woanders. Zwar propagieren diese Möchtegern Proleten aus dem "Ghetto" heraus zu wollen, sehen aber nicht, dass der Wohlfahrtsstaat ihnen alle Möglichkeiten bietet: von Bafög bis zum Stipendium. Lässiger scheint ihnen aber der Weg über Kleinkriminalität vorzukommen. Aber nicht nur die Rütli Schüler, sondern auch die Studentenschaft richtet sich kommod in der Hauptstadt ein, die so viel bietet und doch zum rumhängen animiert. Untätigkeit paart sich hier mit entspanntem Seelenbaumeln und existenzieller Krise. Berlin, das ist eine Stadt der Gegensätze zwischen Geschäftigkeit und Abhängen, zwischen Elite und Rütlischüler, zwischen Subkultur und Mainstream.
An meinem letzten Tag in Berlin besuchte in eine Ausstellung zum 100 jährigen Geburtstag von Max Planck. Neben Spitzenforschern tummelten sich auch eine Kreuzberger Hauptschule an den Computern. Die einen besprachen die neuesten Forschungsprojekte, die anderen zerstörten das Präsentationsinventar. Ich sah mir eine Präsentation von einem Projekt an, bei dem der Urknall erforscht wird und elementaren Fragen unserer Existenz nachgegangen wird, ein 16-jähriger Hauptschüler stand neben mir, für zwei Sekunden. Dann wand er sich ab, mit der im Neuberlinerischen Slang formulierten Feststellung: "eh langweiliger Spacken Opfer Scheiß!" Wer hier das Opfer ist bleibt offen, genauso wie die Frage ob Sidos Antworten auf die grundsätzlichen Fragen unseres Lebens aufschlussreicher sind: "Yeah, am Montag geht für mich das Wochenende los ohne Ende Koks, guck ich geh die Wände hoch". Berlin, für manche ein unendliches Wochenende für andere harte Arbeit.

1 comment:

Anonymous said...
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