Letzte Woche war ich in Kairo. Ich habe mir, wie jeder "gute" Tourist die Pyramiden und die Mumien im ägyptischen Museum angeschaut. Nur von einer Scheibe getrennt hatte ich Ramses den zweiten vor mir, der vor 3500 Jahren der mächtigste Mann in Ägypten, dem ersten Nationalstaat der Welt, war. Unter Ramses dem zweiten erreichte Ägypten eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte, die danach nie wieder erreicht wurde. Ramses zeugte 40 Töchter und 45 Söhne und war als Gottkönig (Pharao) unantastbar. Jetzt liegt er im ägyptischen Museum unter einer Glasscheibe an der sich kleine sabbernde Gören die Nasen plattdrücken. Ürsprünglich war das anders geplant. Ramses wollte die Unsterblichkeit - und zwar nicht in einem mit Besucherspeichel benetzten Glaskasten, sondern mit all seinen Schätzen in einem für ihn eigens gebauten massiven Steingebäude im Tal der Könige, da hätte er dann alle seine Schätze um sich und wenn sich seine Seele wieder seinen Körper gefunden hätte, dann hätte er weiter gelebt- das dachten die Pharaonen zumindest.
Ramses hatte sich das mit der Unsterblichkeit wohl anders vorgestellt - aber es war doch eindrucksvoll einen Menschen, der vor 3500 Jahren gestorben ist, vor sich zu haben. Die Zeit hat aber auch diesen stolzen König besiegt. Wegen einer versteiften Wirbelsäule konnte er im Alter nicht aufrecht gehen und sein berühmtestes Bauwerk, Abu Simbel, wird spätestens zerstört werden, wenn unsere Sonne in einer Supernova unser Sonnensystem und auch unseren Planeten zerstört. Bauwerke sind nicht unvergänglich, Gedanken aber doch, so der Sprecherkommentar der Lichtshow vor den Pyramiden. Dieses doch etwas oberflächliche Touristenspecktakel wirft große Fragen auf. Die Vergänglichkeit von Materie ist evident, die unvergänglichkeit von Gedanken aber nicht. Logischerweise muss ja für ein Gedanke ein Denker vorhanden sein, der den Gedanken denkt oder lebt. Dieser Denker ist aber vergänglich, was den Gedanken wiederum vergänglich macht, ja wenn...wenn es nicht einen unvergänglichen Denker gibt. Und schon sind wir wieder bei der Gottesfrage und am Ende der Logik. Aber würde Gott über die Pharaonen nachdenken?
Die Pharaonenzeit, ihre Ideale und Gedanken wurden seit der Einführung des Christentums unter den Römern in Ägypten vergessen. Nach den stolzen Pharaonen und dem kulturellen Höhepunkt unter Ramses II ging es bergab mit Ägypten, so scheint es aus westlicher Perspektive. Auf die Herschaft der Pharaonen folgten 3000 Jahre Fremdherrschaft, die Ägypten zur Provinz degradierten. Nach Persern, Griechen, Römern, Mamelukken, Osmanen, Franzosen und Briten konnte Ägypten 1952 die Fremdherschaft abschütteln. Wenn sich Ramses der zweite das heutige Ägypten anschauen würde, wäre er wohl nicht begeistert. Ägypten ist in keiner guten Verfassung. Die Armut ist omnipräsent und der einzigste spärliche Wirtschaftszweig der blüht, der Tourismus, wird in regelmäßigen Abständen wieder von der Muslimbrüderschaft zurückgebombt. Mubarak, der dritte ägyptische Präsident nach Nasser und Sadat ist zwar nicht ganz so charismatisch wie seine Vorgänger, aber hält das Zepter trotzden fest in der Hand, auch wenn man mittlerweile offen über Probleme sprechen kann, sobald man etwas dagegen unternimmt bekommt man sofort die volle Härte des Regimes zu spüren. So zum Beispiel die Muslimbrüderschaft, die einzige echte Opposition die seit 2006 sogar im Parlament vertreten ist. Auf Druck der Amerikaner. Ironie des Schicksals, das dadurch Islamisten ins Parlament einzogen (man fühlt sich an die Hamas und Palestina erinnert). Manchmal treibt die Demokratie auch radikale Blüten, aber wir sollten das in Deutschland ja am Besten wissen. Die Muslimbrüderschaft ist die "Wiege" des Islamismus. Sie wurde 1928 von Hasan al-Banna gegründet. Die Gründung lässt sich nur im Zusammenhang mit dem Kolonialismus verstehen, gegen die er sich wendet. Im Nahen Osten waren die Osmanen verhasst und so folgten die vielen arabischen Stämme gerne Lawrence of Arabia, einem Engländer der durch die Wüste zog um dem deutschen Verbündeten, den Osmanen, im ersten Weltkrieg zuzusetzen. Der Plan ging auf, leider nicht für die Araber, denen ja die Unabhängigkeit versprochen wurde. Sie fanden sich in Kolonien wieder. Entäuscht von den "dekadenten" Europäern bewegte sich der Islam in eine konservative Richtung. Das hätte auch anders laufen können, da es auch durchaus Bestrebungen gab den Islam liberaler zu leben und den Koran im Kontext der neuen Zeit zu interpretieren. Der Islam bewegte sich in die entgegengesetzte Richtung, u.a. wegen dem Verhältniss zum Westen. Der Islam nahm sich also selbst durch das Verhältnis zum Westen anders wahr. Im Westen verlief die Entwicklung ähnlich. Vor den Kreuzzügen lebten Christen und Muslime friedlich miteinander in Spanien. Der Orient verlangte den Europäischen Gelehrten Respekt ab, in Wissenschaft und Medizin war man dem Okzident weit vorraus. Selbst bei den Kreuzzügen hatten die europäer viel Respekt für den gütigen und weisen Saladin. Als die Muslime Konstantinopel eroberten wendete sich die westliche Wahrnehmung. Als die Türken dann vor Wien standen, wurde der Islam als konkrete Bedrohung wahrgenommen. Spanien war wieder christlich und so nahm sich Europa das erste mal als christlich und zivilisiert wahr - im Gegensatz zu den unzivilisierten Muslimen. Später im 19. Jahrhundert wurde dem Orient durch 1000 und eine Nacht, Bauchtanz und Harems etwas magisches aber auch verführerisch-sexuelles, hinterlistiges nachgesagt. Die prüden christlichen Herren in Europa geilten sich an sinnlichen Bauchtanzphantasien auf. Edward Said hat all das gut in seinem Buch Orientalism nachgewiesen. Er argumentiert, dass unser Islambild nur eine Kreation sei, die vielleicht mehr über den Okzident als über den Orient aussagt. Dieser postkoloniale Blick scheint mir sinnvoll zu sein, da man das andere immer aus der eigenen Position heraus sieht und sich so selbst definiert. Seitdem wissen wir, dass es objektive Wahrnehmung nicht gibt und Michel Foucault hat dies auf unsere Wissenschaftsdiskurse angewendet. Sein Ergebnis: wir nehmen die Welt nur durch "Denkbare" Grundmuster war. Er nennt dies Episteme, diese geben die Grenzen der "Denkbarkeit" vor. Vor 500 Jahren war im Westen das ganze Weltbild und auch die Wissenschaft von der Vorstellung geprägt, dass die Erde das Zentrum des Universums ist. Davor, dass die Erde eine Scheibe sei usw. Heute wird der Islam, übrigens erst seit den achtzigern, und besonders seit dem ersten Weltkrieg als despotisch, konservativ und radikal wahrgenommen. In der Debatte um die Aufnahme der Türkei in die EU und bei der derzeitigen Integrationsdebatte steht dies im Vordergrund. Wir sehen uns immer als aufgeklärter, liberaler, christlicher Okzident- im Gegensatz zum unaufgeklärten, unliberalen, nicht-christlichen Orient. Christentum wird mit der Aufklärung vermischt, ja sogar als Vorbedingung für jene wahrgenommen. Dabei war die Kirche sicher kein Freund der Aufklärung, viel mehr ein Feind dieser.
Und was hat das alles mit Ägypten zu tun? Der Islam wird von den Touristen als rückwärtsgerichtete, konservative Macht wahrgenommen, die im Gegensatz zur alten Blüte unter den Pharaonen, wie zum Beispiel Ramses II, wahrgenommen wird. Die europäische Begeisterung für das alte Ägypten lässt das neue in anderem Licht erscheinen. Diese Nostalgie, die das aktuelle Weltbild verzerrt, kann sich schädlich auf die Beziehungen zwischen Orient und Okzident auswirken. Die "asymetrischen" Beziehungen zum Westen existieren spätestens seit dem Kolonialismus, der tiefe Narben hinterlassen hat. Es gilt die Verzerrungen im eigenen Orientbild und in den asymetrischen Beziehungen wieder zu lösen. Dadurch wird sich auch der Orient verändern, da die Veränderung der Wahrnehmung des anderen immer auch mit einer Veränderung der Wahrnehmung des Eigenen einhergeht. Was würde Ramses also wirklich zum neuen Ägypten sagen? Schwer zu sagen und es ist eigentlich auch nicht relevant. Wir sollten uns von einigen Epistmen befreien und Neues denkbar machen.
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